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von Günter Ofner

 

In vielen neueren Publikationen findet man Angaben zur sprachlichen Zusammensetzung der Wiener Bevölkerung in den Jahrzehnten vor dem I. Weltkrieg.

Hier ein Beispiel aus dem Buch "Illustrierte Geschichte Österreichs" von Roman Sandgruber, Pichler Verlag, Wien 2001, ISBN: 9783854311966.
Auf Seite 215, im Kapitel "Multikulturelles Österreich" steht dort: "Zwei Drittel der Bevölkerung Wiens in der Gründerzeit waren nicht deutschsprachig: Italiener, Ungarn, Polen, Slowenen, Kroaten, Serben, Griechen und vor allem Tschechen und Slowaken waren die wichtigsten ethnischen Gruppen. Wien war um 1900 die an sich größte "tschechische Stadt"".

Diese Vorstellung und Varianten davon findet man heutzutage in vielen Medien.
Nichtsdestotrotz beruht dieses Bild nicht auf Tatsachen.
Ich möchte hier in der Folge einige Fakten dazu auflisten, die vor allem die erste der drei Aussagen widerlegen.

 

1. Die Umgangssprache

In der Habsburgermonarchie gab es alle 10 Jahre amtliche Großzählungen, in denen auch nach der Umgangssprache gefragt wurde.

Hier die Ergebnisse für Wien in den jeweiligen Grenzen:

1880:

673.793 Deutsch
  24.587 Tschechisch
       640 Slowakisch
    1.342 Ungarisch
       907 Italienisch
       986 Polnisch
         78 Ukrainisch/Ruthenisch
       229 Slowenisch
           4 Windisch
       328 Kroatisch
         95 Rumänisch
       869 Französisch
       435 Englisch
       139 Russisch
       100 Griechisch
         37 Armenisch
       187 Sonstige

1890:

1.146.148 Deutsch
     63.834 Tschechisch
          882 Italienisch und Ladinisch
       2.006 Polnisch
          282 Ukrainisch
          599 Slowenisch
            96 Kroatisch
            31 Rumänisch

1900:

1.386.115 Deutsch
   102.974 Tschechisch
       1.368 Italienisch
       4.346 Polnisch
          805 Ukrainisch 
       1.329 Slowenisch
          271 Kroatisch
            74 Rumänisch

1910:

1.726.955 Deutsch
     98.461 Tschechisch
          205 Ungarisch
          973 Italienisch und Ladinisch
       4.726 Polnisch
       1.432 Ukrainisch
       1.118 Slowenisch
          123 Rumänisch
          377 Serbokroatisch

Der Anteil für Deutsch lag also immer deutlich über 90%. Die einzige größere Minderheit war das Tschechische: Maximum im Jahr 1900 mit 6,9%.

Umgangssprache und Muttersprache, die nicht erhoben worden ist, sind natürlich zweierlei. Es liegt in der Natur der Sache, daß kleine Zuwanderergruppen ihre Muttersprache kaum als Umgangssprache benutzen können.

Die Richtigkeit dieser Zählungen der Umgangssprache werden heute auch öfters angezweifelt. Es wäre Druck ausgeübt worden, sich zur deutschen Sprache zu bekennen, so die Argumentation. Deshalb möchte ich hier auch noch die erste Zählung der Ersten Republik von 1923 anführen. Da, im "roten Wien", gab es wohl gewiß keinen Druck sich als deutschsprachig zu bekennen.

1923:

1.745.426 Deutsch
     79.278 Tschechisch
       2.066 Slowakisch
     10.922 Ungarisch
       4.856 Polnisch
       1.493 Slowenisch
       2.434 Jiddisch
       1.839 Serbokroatisch
     13.482 Sonstige
       3.984 Unbekannt

Der tschechische Anteil ist deutlich geringer, da ja 1918/19 zehntausende nationaltschechisch Fühlende in die neugegründete CSR ausgewandert sind. Auffallend ist die deutlich größere Anzahl Ungarischsprachiger. Das ist auf die zwischen 1918 und 1923 stattfindenden Kriege (Tschechen gegen Ungarn) und Bürgerkriege (Räterepublik gegen Horthy) in Ungarn zurückzuführen.

Diese amtlichen Zahlen ergeben also ein eindeutiges Bild, das den obigen Aussagen diametral entgegensteht.

Um aber trotz allem mögliche Manipulationen der Zählung der Umgangssprache auszuschließen, möchte ich hier einige weitere Fakten und Daten anführen, um obige Ergebnisse zu verifizieren.

 

2. Das Religionsbekenntnis

Anders als die Umgangssprache war das Religionsbekenntnis ein sehr konstantes Merkmal. Konvertiten waren selten. Und man konnte natürlich immer nur einer Konfession angehören.

Bei den Volkszählungen wurde auch die konfessionelle Zugehörigkeit erhoben.

1890:

1.195.175 Römische Katholiken
       2.912 Griechische Katholiken (Unierte)
       1.264 Altkatholiken
     35.296 Augsburgisch – Evangelische
       6.647 Helvetisch Reformierte
          531 Anglikaner
       2.471 Griechisch – Orthodoxe
   118.495 Israeliten
       2.134 Konfessionslose.

Serben, Griechen, Rumänen und Ukrainer/Ruthenen waren zu 100% entweder Orthodoxe oder Griechisch-Unierte Christen. D.h. Serben, Griechen, Rumänen und Ukrainer/Ruthenen machten 1890 in Wien maximal gerade 5.383 Menschen aus. Maximal deshalb, weil in dieser Zahl natürlich auch Russen, Weißrussen, Bulgaren usw. enthalten waren.
Diese 5.383 Menschen entsprachen etwa 0,4% der Bevölkerung.
D.h. die Zahl der Serben, Griechen, Rumänen und Ukrainer/Ruthenen 1890 in Wien war sehr gering.

 

Ähnlich die Situation bei den Ungarn. Etwa 20% der ethnischen Ungarn waren Helvetisch Reformierte (H.B.). Deren Zahl von nur 6.647 im Jahr 1890 in Wien bedeutet, daß damals maximal 33.000 Menschen in Wien ethnische Ungarn waren - etwa 2,4%. 
In dieser Zahl sind natürlich auch alle Reformierten aus der Schweiz (1890 etwa 800 Menschen), den Niederlanden usw. enthalten, d.h. die Ungarn machten in Wien wohl maximal 2% aus.

 

3. Die Geburtsländer

Bei den Volkszählungen wurden auch die Geburtsländer der Wiener erhoben.

1890:
610.062 = 44,7% in Wien geboren,
206.774 = 15,1% im restlichen Niederösterreich, in Oberösterreich, in Salzburg, der Steiermark, Kärnten,
                            Tirol und Vorarlberg,
354.423 = 26,0% in Böhmen und Mähren,
  24.163 =   1,8% in Galizien und der Bukowina
  23.651 =   1,7% in Österr. Schlesien
    7.757 =   0,6% in Krain, Dalmatien, Küstenland und Triest
100.666 =   7,4% in Ungarn (inkl. Burgenland, Slowakei, Siebenbürgen, Karpatho-Ukraine und Kroatien)
  25.515 =   1,9% in Deutschen Staaten (Deutsches Reich)
  11.537 =   0,8% im übrigen Ausland.

Diese Anteile blieben zwischen 1880 und 1910 übrigens erstaunlich konstant.

Was bedeutet das nun für die sprachlichen Verhältnisse? Die Gleichsetzung von Einwanderern aus Böhmen und Mähren mit Tschechischsprachigen ist natürlich falsch.

Böhmen hatte im Jahr 1890 36,94% Deutschsprachige (Umgangssprache) und Mähren 29,4%.

Weiters ist zu bedenken, daß die tschechischsprachige Landbevölkerung aus Böhmen und Mähren vor allem in die böhmischen und mährischen Großstädte einwanderten, von denen die meisten dadurch zwischen 1850 und 1910 slawisiert wurden.
So hatte Prag 1856 noch 59,3% Deutsche, 1880 noch 20,6%, 1900: 7,5%.

Ähnlich lief es in Budweis: 1850: "eine fast rein deutsche Stadt" (Zitat Brigitte Hamann), 1880: 50:50, 1910: 38,2% deutsch, 61,8% tschechisch.

Analog lief es in Pilsen und auch in Mähren: Brünn und Olmütz - auch wenn es dort erst nach 1918 tschechischsprachige Mehrheiten gab.

D.h. unter den böhmischen und mährischen Auswanderern nach Wien müssen überproportional viele Deutschsprachige aus den böhmischen Ländern gewesen sein.

Aber nehmen wir vorsichtshalber den exakten Bevölkerungsanteil, dann waren diese 354.423 Einwanderer aus Böhmen und Mähren also 228.532 Tschechischsprachige und 123.233 Deutschsprachige.

Berechnung:
Böhmen und Mähren hatten 1890 (Volkszählung) 8.119.964 Einwohner.
Davon waren 5.235.528 = 64,48% Tschechischsprachige und 2.822.956 = 34,77% Deutschsprachige. Weiters gab es 5.039 Polnischsprachige (meist im Industriegebiet Mährisch Schönberg), 1.365 Kroatischsprachige (Südmähren), Andere und Stumme, die keiner Sprachgruppe zugeordnet wurden.

Niederösterreich (ohne Wien), Oberösterreich, Salzburg, die Steiermark, Kärnten, Tirol und Vorarlberg hatten 1890 (Volkszählung) 4.829.077 Einwohner.
Davon waren: 3.818.310 = 79,07% Deutschsprachige, 501.510 = 10,39% Slowenischsprachige (Untersteiermark und Südkärnten), 363.016 = 7,52% Italienischsprachige und Ladinischsprachige (Trentino, Region Bozen und Vorarlberg), 33.356 = 0,69% Tschechischsprachige und Slowakischsprachige (Umgebung von Wien, Linz),

Ähnlich der Entwicklung in Böhmen und Mähren galt auch hier das Prinzip, daß die Einwanderung der nächstliegenden Großstadt galt. D.h., daß die Italienischsprachige des Trentino hauptsächlich nach Trient gingen, die Slowenischsprachige nach Klagenfurt und Marburg bzw. auch nach Laibach, das damals ähnlich den böhmischen Städten sehr rasch slowenisiert wurde. Der Großteil der Einwanderer wird also aus Niederösterreich bzw. den Randgebieten von Oberösterreich und der Steiermark gekommen sein, also aus fast 100% deutschsprachigen Gebieten.

Aber nehmen wir wieder vorsichtshalber den exakten Bevölkerungsanteil, dann waren von diesen 206.774 Einwanderer aus Niederösterreich (ohne Wien), Oberösterreich, Salzburg, die Steiermark, Kärnten, Tirol und Vorarlberg also 163.496 Deutschsprachige.

Nach derselben Berechnungsmethode waren 11.305 der 23.651 Einwanderer aus Österr. Schlesien (47,8%) deutschsprachig.
Weiters 1.205 der 24.163 Einwanderer aus Galizien (3,46%) und der Bukowina (20,79%). Weiters 13.227 der 100.666 Einwanderer aus Ungarn (13,14%).

De facto war unter den Einwanderern aus Galizien, der Bukowina und Ungarn ein wesentlich höherer Anteil deutschsprachig.
Denn diese Einwanderung bestand zu einem großen Teil aus Ostjuden, deren Muttersprache Jiddisch, ein deutscher Dialekt, ist.

Aber bleiben wir bei den errechneten Zahlen:

123.233 Deutschsprachige aus Böhmen und Mähren
163.496 aus Niederösterreich (ohne Wien), Oberösterreich, Salzburg, die Steiermark, Kärnten, Tirol   
              und Vorarlberg
  11.305 aus Österr. Schlesien,
    1.205 aus Galizien und der Bukowina sowie
  13.227 aus Ungarn und
  25.515 aus dem Deutschen Reich (auch wenn da ein paar hundert ethnische Polen, Kaschuben, Sorben,
              Dänen, Franzosen; Wallonen usw. darunter gewesen sein mochten).
Vernachlässigen wir ruhig die Deutschsprachigen aus Krain (5,66% Deutschsprachige), dem Küstenland (2,3%) und Dalmatien (0,4%) sowie aus dem restlichen Ausland (u.a. 1.526 Schweizer), dann ergibt das (1890) 337.981 deutschsprachige Einwanderer nach Wien. Mit den 610.062 in Wien Geborenen waren das also 948.043 Menschen – von damals 1.364.548 Einwohnern Wiens.
Das ergibt 69,48%.
Von zwei Drittel nicht Deutschsprachigen kann also keine Rede sein.
Selbst wenn eine Minderheit der in Wien Geborenenen nicht deutschsprachig war, kommt man bei dieser sehr vorsichtigen Berechnungsmethode zum Ergebnis, daß es damals (mindestens) etwa zwei Drittel Deutschsprachige in Wien gegeben hat.

Wie sieht es mit den Tschechischsprachigen aus:

228.532 aus Böhmen und Mähren
    5.068 aus Österr. Schlesien (21,43%)
    1.427 aus dem restlichen Niederösterreich und Oberösterreich.

Das macht also 235.027 Menschen und entspricht 17,22% der Bevölkerung Wiens.
Inklusive von maximal 3-4% Tschechischsprachigen unter den in Wien Geborenen sind das also (maximal) rund 20%.

 

4. Die Wahlergebnisse

In der Monarchie gab es zum Reichsrat ein Mehrheitswahlrecht ähnlich dem heutigen in Großbritannien, das Minderheiten keine Chance ließ. Zum Wiener Gemeinderat gab es immer ein Zensuswahlrecht, sodaß diese Wahlergebnisse ebenfalls nichts über die sprachlichen und ethnischen Verhältnisse aussagen.

Aber ab 1919 gab es zu Parlament und Gemeinderat das allgemeine gleiche Wahlrecht (auch für Frauen) und ein Verhältniswahlrecht, das nun auch Minderheiten eine Chance gab. Und es gab sofort auch tschechische Parteien.

Am 16. Febr. 1919, bei der Wahl zur Konstituierenden Nationalversammlung, errang die Tschechoslowakische Liste (Sozialdemokraten, Bürgerliche und Nationaltschechen) 65.132 Stimmen in Wien und 2.382 in Niederösterreich (außerhalb Wiens). Das waren 6,90% der 944.559 gültigen Stimmen in Wien. Bei der ersten Wahl zum Wiener Gemeinderat am 4. Mai 1919 stimmten bei deutlich niedrigerer Wahlbeteiligung 57.629 = 8,50% für die Tschechoslowakische Liste.

Bei der ersten regulären Nationalratswahl am 17. Okt. 1920 waren es noch 37.868 = 4,08% und bei der zweiten Gemeinderatswahl am 21. Okt. 1923 7.603 = 0,74%.

Auch das zeigt die Massenauswanderung in die CSR nach 1918, wobei eben meist die nationalbewussten Tschechen gingen, der Rest sich aber vor allem den Sozialdemokraten zuwandte.

Nach dem Ergebnis der ersten Gemeinderatswahl 1919 kann man also von damals 8,50% nationalgesinnten Tschechen und Slowaken in Wien ausgehen.

 

5. Namen

Das mit dem Zählen der Familiennamen im Telefonbuch ist ein beliebtes Spiel. Nur sind die Kriterien dafür nicht klar.
Wozu zählt etwa der häufige Herkunftsnahme Böhm?
Wozu zählen in Wien entstandene Spottnamen wie Blecha (der Floh)?

Und würde man ernsthaft die Familiennamen als Kriterium der sprachlichen Zugehörigkeit nehmen, dann wären Vaclav Klaus (ehem. CS-Ministerpräsident), Gyula Horn (ehem. ungarischer Ministerpräsident) und Lojce Peterle (ehem. slowenischer Ministerpräsident) also deutschsprachig?

Und umgekehrt wären Bruno Kreisky, Franz Vranitzky, Josef Cap, Thomas Klestil und Hilmar Kabas also tschechischsprachig?

Ich denke, daß das Spielchen sind, die nicht wirklich aussagekräftig sind.

 

FAZIT:

Mindestens etwa zwei Drittel der Bevölkerung Wiens in der Gründerzeit waren deutschsprachig – nicht umgekehrt.
Wahrscheinlich waren es sogar um die 80%.

Italiener, Ungarn, Polen, Slowenen, Kroaten, Serben und Griechen spielten zahlenmäßig kaum eine Rolle.

Tschechen und Slowaken machten auch bei der wohlwollendsten Berechnungsmethode oben "nur" ca. 20% aus, wobei der Anteil der Slowaken (ungarische Staatsbürger) sehr klein war.
Bei 2.083.630 Einwohnern Wien im Jahr 1910 (Volkszählung) waren das etwa 400.000 Menschen.

Prag hatte 1890 erst 182.530 Einwohner, davon verwendeten 146.066 Tschechisch und 27.125 Deutsch als Umgangssprache.
Wien könnte also damals durchaus die größte "tschechische Stadt" gewesen sein. Bezieht man aber die Prager Vorstädte mit ein, die erst ab 1901 bzw. ganz besonders 1922 eingemeindet worden sind, dann war es eindeutig Prag.

 

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Günter Ofner
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Kategorie: Sprachliches
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