Der Weg der Brüderkirche, die auch unter den Namen "Böhmische Brüder", "Mährische Brüder", tschechisch "Jednota bratrská", lateinisch "Unitas fratrum" und daraus wiederum abgeleitet "Brüder-Unität" aufgetreten ist und von Anderen auch "Lammsbrüder" genannt wurde, war ein schwieriger und verschlungener.
Trotzdem oft schwierigster Gegebenheiten ist es ihr gelungen nun schon fast 600 Jahre lang zu überleben.

Sie ist eine am Urchristentum orientierte Kirche, die in Böhmen und Mähren, zeitweise auch in Polen und Litauen eine Rolle gespielt hat.

Ihr Gründer war der Laienprediger Petr Chelčický (Peter von Cheltschitz, ca. 1390-1460, jeweils in Cheltschitz (tsch. Chelčice) in Südböhmen).
Er entwickelte, beeinflußt vom englischen Reformator John Wyclif (1330-1384), neben den beiden sich gegenseitig bekriegenden Hauptströmungen der Hussiten, den pragmatischen Utraquisten (Kalixtiner, Calixtiner, tsch. kališníci) und den radikalen Taboriten (tsch. táboriti) eine - im Unterschied zu diesen - radikal pazifistische Version des Christentums: Ablehnung jeglicher Machtausübung und Gewalt in der Kirche, der Todesstrafe, des Kirchenbesitzes, des Mönchtums, des Kriegsdienstes, der Eidpflicht, der Bekleidung von öffentlichen Ämtern, der ständischen Gesellschaftsordnung, der Grundherrschaften und der Erbuntertänigkeit.
Dagegen postulierte er in seinen Traktaten und Abhandlungen in alttschechischer Sprache die Gleichheit aller Christen und rief zu freiwilliger Armut auf.

1457/1458 organisierten seine Anhänger eine eigene Glaubensgemeinschaft (Beschluß einer eigenen Ordnung) und wählten 1467 ihren ersten Bischof Michael von Žamberk (Michael von Senftenberg), der vom in Österreich versteckt lebenden Waldenserbischof Stephanus geweiht wurde. Damit standen die Brüder in Konkurrenz zu den Utraquisten, den Katholiken und den Täufern. Trotz Verfolgungen, u.a. durch König Georg von Podiebrad, wuchs die Gemeinschaft an und nahm Reste der deutschsprachigen Waldenser, auch aus Österreich, auf.

1494 spalteten sie sich in zwei Richtungen, eine pragmatischere Mehrheitsgruppe, genannt Brüderunität (Unitas fratrum), die das Schwören von Eiden und die Ausübung staatlicher Ämter zuließ, und eine Minderheitsgruppe, Kleine Partei oder Amositen genannt, die bei den strengen Grundsätzen blieb, aber etwa um 1550 verschwand.
Mit der Brüderunität übernahm ein Rat aus vier Senioren die Kirchenleitung.

Die Brüder blieben umstritten und wurden immer wieder verfolgt, aber sie kehrten weder zum Katholizismus zurück noch schlossen sie sich dauerhaft den neugegründeten Lutheranern oder Reformierten an. Da auf Grund der Verfolgung von 1548 viele Brüder nach Polen und Preußen geflohen waren, wurde 1557 nach der böhmischen und mährischen Provinz der Unität, auch eine polnische gegründet, die 1573 sogar vom Polnischen Staat gleichberechtigt anerkannt wurde ("Konföderation von Warschau").

1575 erreichten sie, mit der von Kaiser Maximilian II. mündlich akzeptierten "Confessio Bohemica" gemeinsam mit den Lutheranern, Reformierten und Calixtinern, die Duldung in Böhmen und schließlich 1609 im Majestätsbrief von Kaiser Rudolph II. de facto Religionsfreiheit (für alle vier protestantischen Richtungen) in Böhmen und Schlesien.

Nach seinem militärischen Sieg am weißen Berg bei Prag zerriß Kaiser Ferdinand II. 1620 diesen Majestätsbrief eigenhändig und erklärte ihn für ungültig. 1624 wurde alle evangelischen Prediger und Schulmeister aus den habsburgischen Ländern im Heiligen Römischen Reich ausgewiesen und die "Verneuerte Landesordnung" von 1627 bestimmte den Katholizismus zur einzigen in Böhmen zugelassenen Konfession. In Mähren war das dann 1628 der Fall.

Die Brüder hatten die Wahl zu konvertieren oder auszuwandern, was auch viele taten. Dadurch und durch die zahlreichen Kampfhandlungen wurden alle Brüder-Gemeinden in Böhmen und Mähren vernichtet bzw. zwangskatholiziert. Aber in einigen Regionen erhielten sich Anhänger der Brüderkirche im Geheimen ("Geheimprotestanten") und existierten "im Untergrund" als Gemeinschaft weiter. Besonders in Nordmähren und in Österreichisch Schlesien war das der Fall. Um 1720 wurde der Druck der Gegenreformation so stark, daß viele von ihnen, vor allem aus dem Bereich Kunewald in Nordmähren, ins Ausland flohen. Einige davon wurden ab 1722 von Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf und Pottendorf in Herrnhut in der Lausitz (Herzogthum Kursachsen) aufgenommen, der dort eine neue reformierte Glaubensgemeinschaft begründete, die "Herrnhuter Brüdergemeine", die bis heute existiert.

Die Toleranzpatente Kaiser Josephs II. legalisierten zwar die Lutheraner und Reformierten, sparten aber die Brüder aus, d.h. sie blieben weiterhin illegal.

Deshalb schlossen sich die meisten noch im Geheimen existierenden Brüder-Gemeinschaften diesen beiden Kirchen an. Vor allem die reformierten Gemeinden in den böhmischen Ländern waren meist "getarnte" Brüdergemeinden.

Mit der Verfassung von 1867 bzw. dem "Gesetz vom 20. Mai 1874, betreffend die gesetzliche Anerkennung von Religionsgesellschaften" wurde die rechtliche Zulassung weiterer Kirchen im alten Österreich möglich. Daraufhin beantragte 1878 auch die "Evangelische Brüderkirche/Herrnhuter-Brüderkirche" die Zulassung, die mit kaiserlicher Entschließung vom 29. März 1880 gewährt wurde.
In der Folge entstanden einige Pfarrgemeinden in Mähren und Böhmen, aber die Mehrheit der "Brüder" blieben offiziell reformiert oder lutherisch (wie seit 1781).

Erst nach dem Ende der Habsburgermonarchie änderte sich die Situation wieder.
Die reformierten und lutherischen tschechischen Gemeinden Böhmens und Mährens (aber nicht Schlesiens) schlossen sich gegen Jahresende 1918 zur "Evangelische Kirche der Böhmischen Brüder" (EKBB, tsch. Českobratrská církev evangelická, ČCE) zusammen. Die meisten deutschen und ungarischen und slowakischen Evangelischen beteiligten sich nicht. 
Viele Gemeinden dieser neuen Brüder-Kirche hatten Wurzeln in den Brüder-Gemeinden vor 1627, konnten sich also nach fast 300 Jahren wieder offen zu ihrem Glauben bekennen.
Die neue Kirche umfaßte anfangs 120 Gemeinden mit ca. 260.000 Gläubigen, von denen zuvor ca. 126.000 reformiert gewesen waren, ca. 34.000 lutherisch und ca. 100.000 römisch-katholisch.
Bis 1938 wuchs die Kirche auf ca. 325.000 Gläubige an und war damit drittgrößte Konfession im tschechischen Landesteil der CSR.

Sie wurde von den Regierungen gefördert, vor allem um den Einfluß der römisch-katholischen Kirche zurückzudrängen, die als habsburg-freundlich und gegen die staatliche Selbstständigkeit der CSR gerichtet galt. Der erste Staatspräsident der CSR Tomáš Garrigue Masaryk (1850-1937) hat das so formuliert: "Wir haben mit Wien abgerechnet, wir werden auch mit Rom abrechnen!" (Po súčtováni s Vidni - súčtujeme s Římem).
Schon 1919 erhielt die EKBB eine Evangelisch-Theologische Fakultät an der tschechischen Karlsuniversität in Prag.
Masaryk selbst, ursprünglich Katholik und ab 1880 Mitglied der Reformierten Kirche, gehörte ihr ab 1918 an.

Während der reichsdeutschen Okkupation des "Protektorats Böhmen und Mähren" 1939-1945 wurde die EKBB schwer verfolgt, die Fakultät an der Universität geschlossen.
Nach einer kurzen Atempause setzte 1948 die Unterdrückung durch das kommunistische Regime ein. Alle Geistlichen aller Kirchen wurden nun vom Staat bezahlt und damit kontrolliert.
Und trotzdem stand diese Kirche in Opposition zum Regime, Nicht weniger als 19 Pfarrer und Vikare der EKBB gehörten zu den 242 Erst-Unterzeichnern der Charta 77.

Seit der "samtenen Revolution" 1989 kann sich die Kirche wieder frei äußern, ihre Mitgliederzahl nimmt aber dramatisch ab. Zählte sie 2001 noch 117.212 Gläubige, waren es 2011 nur mehr 51.936 (= 0,5%) in rund 260 Gemeinden. Trotzdem ist sie damit die zweitgrößte Glaubensgemeinschaft der Tschechischen Republik.

 

Die wechselhafte Geschichte der Brüder stellt Genealogen, die Vorfahren dieser Glaubensrichtung erforschen wollen, vor besondere Herausforderungen. Bzw. ist diese Erforschung nur möglich, wenn man diese Geschichte kennt.
Vor 1627 gab es legale Brüder-Gemeinden, dann muß man sie in den römisch-katholischen Unterlagen suchen, bzw. in denen der Exilgemeinden jenseits der habsburgischen Grenzen.
Ab 1781 sind sie vor allem in den Archiven der reformierten Kirche zu finden, sowie bis 1849 auch in den römisch-katholischen. Ein Teil scheint dann ab 1880 bei der "Herrnhuter-Brüderkirche" auf, ein Teil auch in den ersten Civil-Matriken (ab 1870) bei den Bezirkshauptmannschaften und Magistraten. Ab 1918 wiederum sind sie meist in den Materialien der "Evangelische Kirche der Böhmischen Brüder (EKBB)" zu finden und ab 1939 dann in den Staatsmatriken bei den damals neugegründeten Standesämtern.
Mit Ausnahme der Zeit von 1918-1939 standen sie praktisch immer im schroffen Gegensatz zur jeweiligen Regierung - schon deshalb, weil sie Autoritäten kritisch gegenüberstehen. Man wird sie also in allen Archivbeständen finden, die sich mit Oppositionsgruppen befassen.

 

Das hier ist natürlich nur ein kurzer schematischer Überblick.

Alle Leser sind herzlich eingeladen, mir Ergänzungen mitzuteilen und mich auf Fehler und Irrtümer meinerseits aufmerksam zu machen.

Günter Ofner
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