von Günter Ofner

 

Das Christentum hat schon in der späten Römerzeit den Raum von Wien erreicht.
In der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts wurde bereits die erste Peterskirche erbaut, die nach vielen Umbauten und einem brandbedingten (1661) Neubau von 1701-1733 immer noch auf dem ursprünglichen Standort existiert.
Sie stand also schon ein rundes Jahrhundert lang, als der Hl. Severin von etwa 454-482 die spätantike christliche keltisch-romanische Bevölkerung hier in den Stürmen der Völkerwanderung betreute und beschützte.
Auch während der "dunklen Zeit" danach dürfte das Christentum in Wien überlebt haben, denn schon um 740 datiert die legendäre Gründung der Ruprechtskirche in jenem Teiles der Altstadt, in dem man von kontinuierlicher Besiedlung seit der Antike ausgeht (Berghof).
Die Ruprechtskirche existiert heute, nach ca. 1250 Jahren, noch immer ziemlich unverändert und es werden unverändert Gottesdienste darin abgehalten.

Die röm.-kath. Kirche in Wien überstand Türken- und Kuruzzenkriege, sie überstand sogar (mit Hilfe der habsburgischen Landesfürsten) die Reformation, der zeitweise viele Wiener anhingen. Hätte sich die Reformation auch in Wien/Österreich durchgesetzt, der Katholizismus in Mitteleuropa wäre in der Bedeutungslosigkeit versunken.
Die röm.-kath. Kirche in Wien überstand die Epoche der Aufklärung, die Zeit der Säkularisierung, Absolutismus und Demokratisierung. Sie überstand das Ende des Kirchenstaates in Italien, die "los von Rom"-Bewegung der Alldeutschen, die Katastrophe des I. Weltkrieges, den Aufstieg der Sozialdemokratie, die Freidenkerbewegung, die Zeit der Verfolgung während der Naziherrschaft, Bombenkrieg, Bodenkämpfe und die folgende Besatzungszeit.
Die 1952 erfolgte Wiedereröffnung des, 1945 durch einen Großbrand schwer beschädigten, Stephansdomes war ein Signal weit über Wien hinaus, daß die schwere Zeit vorbei war und es wieder aufwärts geht.

Bei der Volkszählung 1961 bekannten sich noch 81,6% der Wiener Bevölkerung zur Römisch-Katholischen Kirche. Dann begann der Anteil stetig zu sinken (1971: 78,6%, 1981: 72,6%, 1991: 61,8%). Aber noch in den 80er-Jahren wurden neue Kirchen gebaut und neue Pfarren eingerichtet.
Bei der bislang letzten Volkszählung 2001 gab es nur mehr 49,2 % Katholiken, laut Angaben der Erzdiözese waren es 2011 dann 42,9% und Ende 2014 nur mehr 36,1%.

Die Gründe sind vielfältig, die Zahl der Sterbefälle übertrifft seit langem die der Taufen, jedes Jahr treten etwa 50.000 Katholiken aus der Kirche aus, aber auch die Massenzuwanderung aus dem Ausland (Balkan, Orient usw.) macht sich bemerkbar. Lebten 1991, also knapp nach der Ostöffnung, 1.539.848 Menschen in Wien, so sind es inzwischen (1. Jänner 2016) 1.840.000, also ein Zuwachs von mehr als 300.000 Menschen oder 19,5%. Nur ein kleiner Teil der Zuwanderer (z.B. die aus der Slowakei und Polen) sind katholisch.

Das hat inzwischen dazu geführt, daß es in vielen öffentlichen Schulen nur mehr eine handvoll katholische Kinder gibt. Die Zahl der islamischen, orthodoxen und konfessionslosen Schüler überwiegt bei weitem.


Eine Konsequenz daraus ist der Abverkauf von Kirchen.

- Die alte Lainzer Pfarrkirche "zur Heiligen Dreifaltigkeit" (Gründung um 1425, heutiger Bau von 1736) im 13. Bezirk wurde bereits 1974 an die Syrisch-Orthodoxe Kirche von Antiochien zur Nutzung übergeben und heißt seither St. Ephrem. Aber das war noch keine Krisenerscheinung, ganz im Gegenteil, denn neben dem alten Kirchlein wurde ja eine neue, viel größere, Pfarrkirche erbaut, um die stark angestiegene Zahl der Gläubigen fassen zu können.
2015 ging das alte Kirchlein dann an die Malankara Orthodox-Syrische Kirche (Indische Orthodoxe Kirche). Nun gibt es Pläne sie auch formell zu verschenken.

- Die sogenannte Russenkirche (Christuskirche, gebaut 1917) in Kaisermühlen im 22. Bezirk war eine Filialkirche der Pfarre Kaisermühlen. Seit den 70er-Jahren gab es dort auch evangelische und koptische Gottesdienste vor allem für die Bediensteten der benachbarten UNO-City. 2003 nach der staatlichen Anerkennung der Koptisch-Orthodoxen Kirche in Österreich, wurde die Kirche den Kopten geschenkt und als Markuskirche geweiht.

- 1907 wurde die Klosterkirche der „Gesellschaft der Helferinnen der Seelen im Fegefeuer" in Währing im 18. Bezirk als Kirche zur heiligen Mutter Gottes auch Allerseelenkapelle genannt, geweiht. In den 80er-Jahren wurde sie zu einer Filialkirche der Pfarre Währing (St. Gertrud). 2010 schenkte der Orden sie der Koptisch-Orthodoxen Kirche. Seither heißt sie "Heilige drei Jünglinge Kirche". 

Konnte man die bisherigen Fälle also als nicht so wichtig abtun, kam ab ca. 2010 eine Lawine ins Rollen:

- 2014 wurde die Pfarrkirche St. Antonius von Padua (eingeweiht 1894) im 15. Bezirk der Rumänisch-Orthodoxen Kirche geschenkt. Eine Gebetsnische für Katholiken blieb erhalten. Gleichzeitig wurde die röm.-kath. Pfarre aufgelöst und soll in einer neuen Großpfarre "Hildegard-Burjan" aufgehen, in die auch die bisher eigenständigen Pfarren Rudolfsheim, Neufünfhaus, Schönbrunn-Vorpark und Akkonplatz eingeschmolzen werden sollen.  

- Bereits 2011 wollte die Erzdiözese die Neulerchenfelder Pfarrkirche (Fertigstellung 1753, nach der Zerstörung durch Fliegerbomber 1945 bis 1957 wieder aufgebaut) im 16. Bezirk an die Serbisch-Orthodoxe Kirche verschenken. Die röm.-kath. Pfarrgemeinde protestierte dagegen heftig, erhob in Rom Einspruch, scheiterte jedoch letztlich. Mit 31. August 2013 wurde die Pfarre, nachdem sie 260 Jahre lang bestanden hatte, aufgelöst und mit der Pfarre "Maria Namen" zwangsfusioniert. Das Kirchengebäude gehört nun der Serbisch-Orthodoxen Kirche.

- Im September 2014 verkaufte der Karmeliterorden die Pfarrkirche Maria vom Berge Karmel (gegründet 1916, nach der Zerstörung durch US-Bomber 1945 bis 1958 wieder aufgebaut) im 10. Bezirk an die Syrisch-Orthodoxe Kirche von Antiochien, die seit 1974 in der alten Lainzer Pfarrkirche ansässig war.
Die röm.-kath. Pfarre wurde mit 1. Jänner 2015 aufgelöst und in der Pfarre Zu den Heiligen Aposteln integriert. 2015 wurde diese mit den Pfarren "Salvator am Wienerfeld" und "Zum heiligen Franz von Sales" zur neuen Großpfarre "Christus am Wienerberg" zusammengelegt.

- 2015 wurde die Pfarrkirche Maria vom Siege (errichtet bis 1875) im 15. Bezirk, seit 1985 dem Kalasantiner-Orden unterstellt, an die Koptisch-Orthodoxe Kirche verschenkt. Die Pfarre soll mit der röm.-kath. Pfarre Reindorf verschmolzen werden.

Diese Entwicklung wird rasch weitergehen, nach den Plänen der Erzdiözese Wien sollen in nächster Zeit insgesamt 25 Pfarren in den Bezirken 10, 15 und 16 zu acht neuen Großpfarren zusammengelegt werden. Alleine dadurch wird die Zahl der röm.-kath. Pfarren in Wien um rund 10% sinken.
Und es wird wohl in diese Richtung weitergehen.

In den anderen Bezirken werden teilweise andere Wege des Rückbaues der Kirche beschritten. So wurde die Währinger Pfarrkirche St. Gertrud (seit 1226 Pfarre, heutiger Bau aus 1753) im 18. Bezirk im Jahr 2001 auf den Stand von 1934 rückgebaut. Damals (1934) hatte man an das barocke Kirchlein im rechten Winkel ein neues, größeres Langhaus angebaut. Das wurde 2001 durch bauliche Abtrennungsmaßnahmen wieder auf den Stand der alten Währinger Dorfkirche aus 1753 reduziert. Der Anbau blieb zwar bestehen, wird aber nur mehr zu den Hochfesten geöffnet.

 

In den letzten 50 Jahren hat die röm.-kath. Kirche in Wien mehr als die Hälfte ihrer Mitglieder verloren. Ihr gehört nur mehr rund ein Drittel der Bevölkerung an. Mit dem Verschenken von Kirchen und der Auflassung von Pfarren wird diese Entwicklung wohl noch beschleunigt werden. Der chronische Priestermangel (trotz vieler ausländischer Priester, die schon hier arbeiten) tut sein übriges. Den beiden Evangelischen Kirchen (A.B. und H.B) in Wien geht es, ausgehend von einem viel niedrigeren Niveau, ähnlich. Dagegen wachsen alle Orthodoxen Kirchen, die Kopten, die Freikirchen und besonders der Islam rapide an.
Es ist wohl nur mehr eine Frage der Zeit, bis eine davon die röm.-kath. Kirche zahlenmäßig überholen wird.

 

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Günter Ofner
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